Kladuša Camp

Im Bezirk um Bihać und Velika Kladuša, nahe der Grenze zu Kroatien, sollen sich derzeit rund 4.500 Geflüchtete aufhalten. Täglich kommen weitere hinzu. Geflüchtete wiederum berichten, dass die kroatische Grenzpolizei seit der letzten Woche noch rabiater als bisher gegen ihresgleichen vorgehe, die versuchen, die Grenze zu passieren. Viele, die wir hier kennenlernen, haben „The Game“ (so wird der Versuch, illegal die Grenze zu überqueren, genannt) schon mehrmals erfolglos unternommen. Ihnen wurden Geld und Telefone abgenommen oder Gewalt angetan, bevor sie wieder über die Grenze zurück nach Bosnien gezwungen wurden. Bei Familien laufen diese Push-Backs – bislang – offenbar glimpflicher ab.

Da die Grenzen dicht sind und viele Geflüchtete pausieren, bevor sie The Game wagen, stranden immer mehr Menschen in diesem Grenzgebiet. Sie sind zum Teil in Camps untergebracht, von denen einige unorganisiert entstanden sind. Manche Geflüchtete, vor allem Familien, kommen bei der lokalen Bevölkerung unter – nach allem, was wir hören, oft ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Viele Bosnier*innen sind hier ausgesprochen solidarisch. Und tatsächlich hört man hier in Velika Kladuša kaum ein negatives Wort über jene Menschen, die in der Stadt sehr präsent sind.

Die Camps werden von lokalen NGOs unterstützt, zudem sind verschiedene internationale Freiwillige vor Ort. Es mangelt an Struktur und Organisation. Gerade in Velika Kladuša ist die Lage sehr schwierig. (Über Bihać können wir noch nichts sagen. Dort waren wir noch nicht.)

Kladuša Camp

Kladuša Camp befindet sich etwa fünf Minuten entfernt von der Busstation der Kleinstadt Velika Kladuša. Der Weg, der letztlich zu einem Trampelpfad wird, führt vorbei am lokalen Stadion, rechts ist ein Gebäude (vielleicht war hier früher einmal ein kleiner Betrieb), neben dem die von einer kleinen NGO betriebenen Duschen aufgestellt sind. Nach einigen Minuten zwischen hohen Wiesen öffnet sich das Gelände zu einem offenen Platz neben einem Fluss. Hier leben momentan etwa 150 bis 200 Menschen unter, so muss man es sagen, elenden Bedingungen. Keine der grundlegenden Standards der Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten werden hier eingehalten.

Das Camp ist geduldet, aber es gibt niemanden, der das Camp leitet. Das Camp hat nicht einmal einen Namen. Kladuša Camp ist mein eigener Name für den Platz. Denn nur das, was einen Namen hat, findet auch öffentliche Beachtung. Also Kladuša Camp.

Es ist nicht mehr als eine Wiese, auf dem provisorisch errichtete Zelte stehen. Keine festen Zelte, wie man sie etwa vom UNHCR kennt, sondern krude Bauten aus Holz und Planen. Im Moment gibt es für jene, die neu dazu kommen, nicht einmal Zelte, die man ergänzen könnte. Wenn sie ohne Zelt ankommen, müssen sie sehen, wie sie unterkommen.

Im Moment ist es sehr heiß, es gibt kaum Schattenplätze. Neben allein reisenden Männern leben hier auch viele Familien, viele von ihnen mit kleinen Kindern. Auch eine Mutter mit ihrem erst vor wenigen Tagen geborenen Säugling muss hier leben. Gerade für Familien und Frauen ist die Situation untragbar. Es ist einfach unfassbar.

Vor ein paar Tagen stand das Gelände nach heftigem Regen weitgehend unter Wasser. Müll liegt herum. Die wenigen mobilen Toiletten, die aufgestellt sind, sind kaum mehr benutzbar. Zumindest bietet eine Wasserleitung die Gelegenheit, sich zu waschen und Kochwasser zu zapfen. Menschen aus den umliegenden Dörfern bringen Kleidung (nicht immer sinnvolle) und Essen, Freiwillige bringen Mahlzeiten vorbei. An mehreren Tagen in der Woche ist ein Team von Ärzte ohne Grenzen vor Ort (wir haben sie noch nicht kennengelernt). Aber eine richtige Versorgung kann das selbstverständlich nicht ersetzen.

Die lokalen Behörden haben einen Generator bereitet gestellt, der abends Licht und die Möglichkeit bietet, das Smartphone aufzuladen. Außer dem Mann, der den Generator bewacht, und einem gelegentlichen Polizisten sind keine lokalen Kräfte im Einsatz. UNHCR, IOM oder UNICEF sind ebenfalls nicht vor Ort. Nur sporadisch schauen diese Organisationen vorbei. Ein Team der bosnischen Sektion von SOS Kinderdörfer war heute kurz aus Sarajevo zu Besuch. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mich kurz mit ihnen auszutauschen.

SOS Kinderdörfer sind gerade durch politische Gespräche blockiert. Sie selbst könnten sofort aktiv werden und child friendly spaces im Kladuša Camp und an andern Orten der Region einrichten. Allerdings verhandeln offenbar gerade noch lokale Behörden, bosnische Ministerien und die EU darüber, wo diese Camps eingerichtet werden sollen. Die EU hat, so kann man vermuten, natürlich kein Interesse daran, diese Camps entlang der Grenze einzurichten, würde das doch den Geflüchteten die Flucht über die bosnisch-kroatische Grenze erleichtern. Sind die Camps zu weit weg, werden die Flüchtlinge dort nicht bleiben und rasch wieder den Weg an die Grenze suchen. Ohnehin ist die gesamte Region überhaupt nicht in der Lage, diese Geflüchteten längerfristig zu versorgen.

Es ist so viel zu tun, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Eine Idee, die uns gefallen hat, ist der Plan einer kleinen Gruppe, einen Van zu kaufen, der als mobiler Info-Point dienen soll. Gerade weil so viele Geflüchtete im Grenzgebiet verstreut sind und es an staatlichen Strukturen fehlt, halten wir das für eine gute Idee. Das kann möglicherweise auch das Projekt sein, an dem ich erst einmal mitwirke. Ein Teil unserer Spenden soll in dieses Projekt fließen (hier geht es zum Spendenprojekt). Mehr Details zum Projekt später.

„Asylvorbereitung“ auf dem Acker

Am Nachmittag kamen wir im Camp mit einigen Geflüchteten aus dem kurdischen Teil Irans ins Gespräch. Zu der kleinen Gruppe gehörte auch ein Ehepaar mit ihren bezaubernden Tochter Shilan (2), die seit rund drei Wochen in dem Camp leben (sie waren mit dem Foto und der Veröffentlichung einverstanden).

Als ich erzählt hatte, woher ich komme und was ich mache, entwickelte sich die Unterhaltung praktisch in eine Asylvorbereitung. Sie hatten so viele Fragen zu ihren Chancen, in Deutschland (und Belgien, wozu ich wenig sagen konnte) als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Und sie waren, wie sie erklärten, sehr verunsichert, weil sie am Vortag ein (deutscher?) Journalist besucht hatte, der ihnen wohl eingeredet hat, dass sie keine Chancen auf Anerkennung in Deutschland hätten.

Dabei hatten alle gute Gründe, den Iran zu verlassen. Und von niemandem von ihnen wurden bisher Fingerabdrücke genommen. Es ist bitter, dass sich diese Menschen wochen- oder monatelang von Land zu Land und über Grenzen durchschlagen und nun bei großer Hitze auf einem bosnischen Acker sitzen müssen, nur weil sich die europäischen Gesellschaften mehr und mehr abschotten und Humanität und Solidarität immer weiter aufgeben.

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