Menschen auf der Flucht. Begegnungen

Entlang der Balkanroutie ist es sehr einfach, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Gerade wenn man erwähnt – und man muss es erwähnen, denn man wird sofort gefragt -, dass man aus Deutschland kommt, ist man rasch in längere Diskussionen verstrickt. (Still weird.) Die Begegnungen und Eindrücke, die Menschen und ihre Geschichten sind ungemein vielfältig. Manches ist verstörend. Anderes berührend. Überraschend. Traurig. Aufmunternd.

Nachfolgend eine kleine Auswahl von Begegnungen, die nachwirken.

Shabnam (8 Jahre, Afghanistan)

Shabnam ist eine Erscheinung. 8 Jahre, aus Afghanistan, selbstbewusst, klug, sehr gutes Englisch. Wir lernen sie in Velika Kladuša kennen, wo ihre Familie unter widrigsten Bedingungen in einem Zelt lebt. Das Mädchen ist im Camp allgegenwärtig. Sie scherzt mit den kleineren Kindern, umschwirrt die verschiedenen Volunteers, trägt Informationen weiter und fungiert für alle möglichen Leute immer wieder als Übersetzerin zwischen Dari und Englisch. Und immer wieder scheint sie nur das zu machen, wonach ihr der Sinn steht – höchst eigenständig erkundet sie das Camp und die Stadt.

Wir begegnen ihr an allen möglichen Orten. Später sehen wir sie auch auf einem Fahrrad – keine Ahnung, wer ihr das gegeben hat.

Die Gespräche mit Shabnam sind stets kurz, für ein echtes Kennenlernen bleibt keine Zeit. Aber Deutschland findet sie interessant, dorthin möchte sie.

„Maybe we’ll talk later,“ sage ich bei einem der zufälligen Treffen zu ihr.

„Why?“ kommt die kluge Antwort, mit der ich mich ertappt fühle. Um mehr über Dich und Deine Familie zu erfahren. Um zu verstehen, warum Du so gut Englisch sprichst und Dich so selbstbewusst im Camp und zwischen Fremden bewegst. – Das sind keine Antworten, die man geben kann. Also suche ich nach einer passenden Antwort und scheitere. Sie lässt uns stehen und zieht weiter.

Ein paar Tage später, wir sind schon längst nicht mehr in Velika Kladuša, begegnen wir ihr und ihrem Vater im rund 50 Kilometer südlich gelegenen Bihać. Shabnam berichtet, dass ihre Familie nun in ein Hotel in der Nähe umquartiert worden sei. Von den Verlegungen hatten wir gehört. Aber wir wussten nicht, welche Familien aus Velika Kladuša berücksichtigt worden waren.

Shabnam erzählt – auf Nachfrage, denn Informationen bekommt man (oder bekomme ich?) von ihr nicht, ohne dass man sie genau befragt -, sie hätten dort eigene Zimmer (zwei für sieben Familienmitglieder) mit eigenen Betten. Gegenüber den untragbaren Camp im Kladuša natürlich eine drastische Verbesserung. Solche Veränderungen gehören für sie längst zum Alltag.

Ihr Vater bleibt derweil im Hintergrund und überlässt es seiner Tochter, mit uns zu plaudern und sich gleichzeitig bei einem Mitarbeiter des Busbahnhofs zu erkundigen, an welchen Bussteig ihr Bus gleich abfährt. Noch bevor ich mich fragen kann, ob sie dieses zweite Gespräch soeben auf Bosnisch geführt hat, ist der Moment vorbei. Wir verabschieden uns und besteigen unsere Busse.

Wenn sie es mit ihrer Familie tatsächlich nach Deutschland schafft und die deutschen Behörden nicht dem Wahn verfallen, die Familie unbedingt wieder deportieren zu wollen, wird sie ihren Weg gehen und noch viele Menschen beeindrucken.

Eine Gruppe aus dem Iran (Mitte/Ende 20)

Da Menschen aus dem Iran visafrei nach Serbien einreisen dürfen, ist Belgrad für viele Geflüchtete aus diesem Land der Beginn der Balkanroute. – Es ist gewiss nur eine Frage der Zeit, bis die Europäische Union im Zuge der wirtschaftspolitischen Freundlichkeiten gegenüber dem iranischen Regime oder in den Beitrittsverhandlungen mit Serbien diese Visafreiheit thematisieren und auf ihre Abschaffung drängen wird. Zur übrigen Politik der Europäischen Union, Fluchtbewegungen zu unterbinden, würde es passen.

Noch aber steht Iraner*innen der Weg nach Serbien offen. Und so treffe ich im Afghani Park in Belgrad eine Gruppe junger Leute aus dem Iran. Zuerst ist es M., der hofft, dass ich ihm den Internetzugang über seine serbische SIM-Karte einrichten kann. Aber ich bin schon an meiner bosnischen SIM-Karte gescheitert und in solchen Fragen völlig nutzlos. Dafür erleben wir einen schönen Moment gelebter Alltagssolidarität.

Ein junger Fahrradfahrer lässt sich von M. anhalten. Sofort übernimmt er die erbetene Aufgabe und ist die nächsten zehn Minuten darin vertieft, auf zwei Smartphones (eines davon sein eigenes) gleichzeitig zu tippen und Einstellungen vorzunehmen. Als er fertig ist, gibt er M. das Smartphone zurück und fährt davon. Kurz dreht er um und ruft uns „Internet for seven days!“ hinterher. Dann ist er verschwunden.

Einige Minuten später, durch einen Zufall, lerne ich die anderen kennen.

G. und M. sowie H. und S. sind verheiratet, I. ist alleinstehend. Alle sind Mitte bis Ende 20. Sie sind fröhlich und optimistisch und insbesondere die beiden Frauen sehr redselig. In Belgrad sind sie seit etwa zwanzig Tagen. Sie haben sich in ein Hotel eingemietet, während sie ihren weiteren Weg planen und Informationen einholen.

Sie schwärmen von den netten Menschen im Iran, verweisen auf die lange und reiche Geschichte des Landes (Kyros II.!) und zeigen mir Fotos schöner Orte, die ich unbedingt einmal besuchen soll. Das Regime aber sei unerträglich. G. und H. sind froh, den Hidschāb nicht länger tragen zu müssen.

Das Gespräch ist stark auf eine Übersetzungs-App angewiesen. Mein Farsi reicht gerade einmal, um mein Alter angeben zu können, das Englisch der fünf Iraner*innen ist überschaubar. Aber Verständigungsschwierigkeiten sind überbrückbar, wenn man Lust hat, sich auszutauschen. Die Unzulänglichkeiten der App sorgen für viel Erheiterung. Während unseres Gesprächs fühle ich mich eher wie bei einem Couchsurfing-Treffen oder wie bei einer Begegnung an der Uni.

Aber natürlich täuscht das Gefühl. Neben mir sitzen junge Menschen, die ihre bisherigen Leben – und es waren, den Bildern von ihren Wohnungen und den Berichten von ihren Jobs nach zu urteilen, ökonomisch gute – aufgegeben haben, um der Unterdrückung durch eine theokratische Diktatur mit totalitärem Anspruch zu entgehen. Sie hoffen, so sagen sie, es irgendwie in die Niederlande zu schaffen.

Wäre die Welt anders, würden sie an der EU-Außengrenze ihre Pässe vorzeigen, die Schlagbäume der EU würden für sie aufgehen und G., H., S., M. und I. würden sich neue Leben in einem freien, weltoffenen und entspannten Europa aufbauen können. Aber diese Welt gibt es nicht. Hass, Verhärtung und Rassismus prägen mehr und mehr die politischen Entscheidungen in der Europäischen Union. So bleibt ihnen nur der illegale Weg über die Grenzen. Dass er ihnen gelingt, obwohl Kroatien und die EU derzeit alles daran setzen, das verbliebene Schlupfloch an der bosnisch-kroatischen Grenze zu schließen und dabei auch vor Gewalt und illegalen Push-Backs nicht zurückschrecken, kann man nur hoffen.

Zigar (27, Afghanistan)

Zigar stammt aus Dschalalabat in der afghanischen Provinz Nangarhar. Ich begegne ihm auf dem Busbahnhof von Bihać, wo sich ein kurzes, aber angeregtes Gespräch in einfachem Englisch ergibt. Zigar hatte in der afghanischen Armee gedient und gemeinsam mit der NATO gegen die Taliban gekämpft. Eindrücklich berichtet er von gemeinsamen Einsätzen mit der Bundeswehr.

Eigentlich habe er nicht vorgehabt, Afghanistan zu verlassen. Seiner Familie sei es gut gegangen, sie seien wohlhabend gewesen. Allerdings seien schließlich mehrere seiner Familienmitglieder ermordet worden – einige von den Taliban, andere von Daesh (Islamischer Staat). Zigar unterscheidet zwischen beiden Gruppen. Beide seien furchtbar. Aber Daesh sei noch verrückter, sie würden auch minderjährige Angehörige ihrer Gegner töten und gänzlich irrational/unberechenbar agieren.

Von seiner gesamten Familie seien ihm nur zwei Geschwister geblieben: ein Bruder und eine Schwester, die beide in Deutschland lebten und noch im laufenden Asylverfahren seien. Zu ihnen sei er nun auf dem Weg. Einmal habe er es schon über die Grenze nach Kroatien versucht. Die kroatische Grenzpolizei habe ihn erwischt und, nachdem sie sein Smartphone zerstört und ihm seine Schuhe und Kleidung abgenommen hatten, wieder abgeschoben. Nun steht ihm die nächste Runde in „The Game“ bevor.

Insgesamt dauere seine Reise schon mehrere Jahre an: Er habe mehrere Monate in der Türkei verbracht, vier Monate in Mazedonien, 22 in Griechenland, 22 in Serbien und nun schon 2 in Bosnien. Für ein Detailgespräch bleibt keine Zeit, denn die Busse warten. Und die gemeinsame Sprache reicht nicht aus, um tiefer einzusteigen. Aber deutlich wird, dass Zigar die Hoffnung nicht aufgegeben hat und alles andere setzen wird, zu seinem Bruder und seiner Schwester zu gelangen. Er betont, dass er seine Geschichte mit zahlreichen Fotos – auch von Dokumenten über seine Zusammenarbeit mit der NATO – belegen könne.

Zum Abschluss verspricht er, sich bei mir zu melden, wenn er es nach Deutschland geschafft habe. Ich wünsche ihm alles Gute. Dann trennen sich unsere Wege.

Fahim (13, Afghanistan)

Im Info Park, dem Anlaufpunkt einer kleinen NGO in Belgrad, mit der ich mich austauschte, erlebe ich mit, wie eine Mitarbeiterin einen Jungen, offenbar ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, mit Essen versorgt und ihm auf Englisch zuredet. „You should not sleep in the park. That is too dangerous.“ Viel mehr bekomme ich von ihrem Gespräch nicht mit. Der Junge und ich sitzen aber kurz gemeinsam am selben Tisch. Er bietet mir etwas von seinem Essen an (was ich natürlich dankend ablehne), ansonsten belassen wir es bei einem freundlichen Lächeln.

Für den Jungen scheint gesorgt.

Am Abend, der Anlaufpunkt der NGO war da schon geschlossen, besuche ich den nahe gelegenen Afghani Park, einer kleinen Freifläche mit ein paar Bänken, Bäumen und etwas Rasen, um mit ein paar Geflüchteten ins Gespräch zu kommen. Dort sehe ich den Jungen wieder. An welcher Stelle das Gespräch zwischen der Mitarbeiterin und dem Jungen gescheitert ist oder ob sie schlicht nichts für ihn tun kann, weiß ich nicht. Der Junge erkennt mich jedenfalls wieder und will mit mir sprechen.

Nun erfahre ich, dass der Junge, Fahim sein Name, aus Afghanistan stammt und erst 13 Jahre alt ist. Im Afghani Park wartet er auf seinen Freund, immerhin 16, mit dem er offenbar gemeinsam unterwegs ist. Am Tag zuvor seien sie in Belgrad angekommen. Für weitere Details fehlt uns die gemeinsame Sprache.

Immerhin wird klar, dass Fahim Hunger hat – aber natürlich kein Geld.

Also kaufen wir gemeinsam für ihn und seinen Freund Burger und Cola an dem Stand des Platzes, der, so scheint es, für die meisten Geflüchteten des Parks die erste Wahl ist. Ich drücke Fahim anschließend die restlichen Dinare, die ich noch habe, in die Hand und ermahne ihn eindringlich, morgen wieder zur Anlaufstelle von Info Park zu gehen. Mehr kann ich nicht für ihn tun in einer Stadt, in der ich mich nicht auskenne, die ich am folgenden Morgen verlassen will und in der nicht sofort das Jugendamt kommt, um unbegleitete Minderjährige einzusammeln und zu betreuen.

Es fühlt sich nicht gut an, einen Jugendlichen so zurücklassen zu müssen. Man kann sich nur sagen, dass ein Junge, der es aus Afghanistan – auf vermutlich verschlungenen Wegen – bis nach Belgrad geschafft hat, auch in dieser Stadt zurechtkommen wird.

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