Kein Schutz für geflüchtete Familien und Kinder

[Englisch version here.]

Neben vielen weiteren Geflüchteten treffen jeden Tag auch Familien mit kleinen Kindern und mitunter Babys am Bahnhof Sarajevo ein. Die meisten dieser Familien sind aus Afghanistan, dem Iran und dem Irak geflohen und schon viele Monate unterwegs. Diese Familien zählen – neben den hier ebenfalls eintreffenden unbegleiteten Minderjährigen – zu den Flüchtlingen mit dem höchsten Schutzbedarf. In einigen Fällen sind Frauen mit ihren Kindern, aber ohne Ehemann geflohen.Für sie ist die Gefahr, sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein, besonders hoch.

Ein Fall: Eine Frau ist vor einem halben Jahr mit ihren vier Kindern (17, 14, 11 und 7 Jahre alt) aus der Region Beluschistan in Pakistan geflohen, nachdem ihr Ehemann, ihr Bruder und andere Familienmitglieder ermordet worden waren und die Polizei begonnen hatte, auch nach ihr zu suchen. Nun kam sie abends in Sarajevo an und hofft sie darauf, irgendwie einen Weg in die Europäische Union zu finden. Finanzielle Mittel hat sie nicht und auch niemanden, der sie und ihre Familie begleiten und unterstützen würde.

Da es keine staatliche Einrichtung für Geflüchtete in Sarajevo gibt, gibt es für die hier eintreffenden Familien keinen Ort, an dem sie Schutz erhalten können. Nur wenige können sich möglicherweise ein Hostel leisten, die meisten verfügen allerdings kaum mehr über finanzielle Mittel. Familien können für höchstens eine Nacht ein Zelt auf der Grünfläche des Bahnhofs aufschlagen. Spätestens am nächsten Morgen werden sie aber von der Polizei aufgefordert, ihr Zelt wieder abzubauen. Ohnehin ist der Ort vollkommen ungeschützt und liegt neben einer stark befahrenen Straße. Da es keinerlei sanitären Einrichtungen gibt, sind Geflüchtete auf das Wohlwollen des nahegelegenen Restaurants angewiesen, um zumindest eine Toilette benutzen zu können.

Der Bahnhof ist zudem der Schlafplatz für hunderte weitere (fast ausschließlich männliche) Geflüchtete. Streitigkeiten flammen hier rasch auf, zudem kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Geflüchteten oder verschiedenen Gruppen. Eine Frau aus Afghanistan und ihre beiden Töchter (16 und 17 Jahre) mussten ebenfalls ihr Zelt am Bahnhof aufschlagen, ohne dass ihnen irgendjemand hätte Schutz bieten können.

Anstatt an solchen Orten ihr Lager aufschlagen zu müssen, müssen für Familien, Frauen und Kindern zwingend sichere Unterkünfte bereitgestellt werden, in denen der Schutz vor Gewalt, sexuellen Übergriffen und Ausbeutung gewährleistet ist. Aber solche Orte existieren in Bosnien praktisch nicht.

Fehlenden Möglichkeiten

Viele Familien stranden zunächst deshalb in Sarajevo, weil keine Busse mehr weiterfahren, weil sie auf einen Geldtransfer über Western Union warten müssen oder weil ihnen die bosnische Registrierung fehlt, die die Voraussetzung ist, sich im Land bewegen, also beispielsweise die Busse benutzen zu können. (Bis die Registrierung abgeschlossen ist, können einige Tage vergehen.)

Mit einer Registrierung können Familien dann nach Bihać oder Velika Kladuša im Norden Bosniens weiterreisen. Tatsächlich sind die meisten Familien auf dem Weg dorthin, um von dort über die bosnisch-kroatische Grenze und damit in die Europäische Union zu gelangen. Allerdings sind die Flüchtlingslager in den beiden Grenzstätten keine angemessenen Unterkünfte – erst recht nicht für Familien mit Kindern. In Bihać müssen Geflüchtete in einer Ruine ohne Fenster, Türen und Betten oder in Zelten zwischen den Bäumen schlafen. In Velika Kladuša gibt es nur Zelte auf einer Wiese am Stadtrand oder andere wilde Lager in Ruinen oder irgendwo zwischen den Bäumen. In diesen „Lagern“ gibt es weder Sozialarbeiter*innen noch feste Strukturen, die eine umfassende Versorgung und Unterstützung der Schutzsuchenden gewährleisten würden. Damit sind diese auch diese Orte unsicher und völlig ungeeignet, um besonders schutzbedürftige Personen unterzubringen.

Mit dem nahenden Winter nahenden Winter wird es bald auch kaum mehr möglich sein, in Zelten zu übernachten. Das Hotel Sedra, eine IOM-Einrichtung für Familien mit Kindern in der Nähe von Bihać, anzusteuern, kann eine Möglichkeit sein. Das dortige Camp ist aber meistens voll belegt. Vierzig Kilometer von Sarajevo entfernt soll bald ein weiteres Camp eingerichtet werden. Die Eröffnung verzögert sich aber bereits seit vielen Wochen immer wieder.

Und eine wichtige Frage bleibt offen: Wohin sollen Geflüchtete mittelfristig gehen? Seit die bosnisch-kroatische Grenze dank der europäischen Abschottungs- und Abschreckungspolitik praktisch vollständig geschlossen ist, sind geflüchtete Familien in Bosnien gestrandet, sofern sie nicht das Geld für einen Schmuggler aufbringen können, der sie über die Grenze(n) bringt. Bosnien-Herzegovina selbst ist mit seinem kaum funktionierenden Staatswesen und den ökonomischen Problemen nicht in der Lage, die Geflüchteten dauerhaft aufzunehmen. Somit bliebe für die Geflüchteten lediglich eine lange Phase des Lagerslebens in Bosnien, sofern solche Lager überhaupt in ausreichender Zahl eingerichtet und entsprechend ausgestattet werden würden.

In Sarajevo erhalten die Geflüchteten eine (umständebedingt kurze) medizinische Betreuung von MedVint sowie warme Mahlzeiten, Decken und (im Falle von Familien) Zelte von den internationalen Freiwilligen, die hier im Einsatz sind. Aber ohne die größerer Unterstützung durch größere NGOs sind die Möglichkeiten der kleinen Teams sehr begrenzt. Ihnen mangelt es an Geldmitteln, etablierten Strukturen, Personal und Expertise, um insbesondere die Geflüchteten mit einem besonderen Schutzbedarf angemessen unterstützen und versorgen zu können

To Do

Zu den anstehenden Aufgaben gehört daher, Kontakt mit größeren Organisationen wie UNICEF aufzunehmen und sie dazu zu verpflichten, sich endlich einzubringen und die zwingend notwendige Unterstützung geflüchteter Familien und unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Sarajevo, aber auch in den nordbosnischen Grenzstädten zu gewährleisten. Zugleich läuft die Spendenkampagne weiter, damit die Teams von Freiwilligen Finanzmittel erhalten und weiterhin in der Lage sind, rasch und unbürokratisch Decken und Zelte an Geflüchtete auszugeben.

Zelte_Bahnhof

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