Fehlende Notquartiere für Schutzsuchende in Bosnien

In Sarajevo sind mittlerweile auch die Tage kalt geworden, nachts werden bereits Minusgrade erreicht. In der schmalen Grünfläche vor dem Bahnhof, wo noch immer viele Geflüchtete schlafen, werden daher inzwischen erste kleine Feuer entfacht, um sich wenigstens ein wenig zu wärmen.

Und nach wie vor treffen weitere Geflüchtete, über Serbien oder Montenegro kommend, in Bosnien ein. Darunter sind in Sarajevo derzeit im Schnitt täglich vier bis fünf Familien, die von hier weiter in Richtung der bosnisch-kroatischen Grenze weiterziehen wollen. In Bosnien zu bleiben und hier um Asyl zu ersuchen, ist angesichts des dysfunktionalen Staates und des in der Praxis nicht vorhandenen Asylsystems für die allermeisten keine Option.

Angesichts der monatelangen politischen Streitigkeiten über die Zuständigkeiten ist Bosnien auf die Unterbringung und Versorgung der Schutzsuchenden nicht angemessen vorbereitet. Unterkünfte für die wohl über 10.000 Geflüchteten, die sich nach Schätzungen derzeit in Bosnien aufhalten, stehen nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Noch immer müssen daher die meisten Geflüchteten, unter ihnen viele Familien mit kleinen Kindern und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, nachts draußen beziehungsweise unter menschenunwürdigen Bedingungen schlafen: in Velika Kladuša auf einer feuchten Wiese am Stadtrand, in Bihać in der Ruine „Borići“ ebenfalls am Stadtrand sowie in Sarajevo am Bahnhof. Darüber hinaus finden Geflüchtete Unterschlupf in verfallenen Häuser, in Parks oder in Waldstücken.

Squat_1.jpg

„Hotel Sedra“, die von IOM betriebene Unterkunft für Familien mit Kindern in Cazin, ist derzeit gefüllt. Da die bosnisch-kroatische Grenze abgeriegelt ist, schaffen es immer weniger Flüchtlinge über die Grenze – entsprechend wird kaum einmal Platz für jene Familien frei, die nun neu in Bosnien eintreffen.

Seit Wochen angekündigt ist die Einrichtung eines weiteren Camps in Hadžići,  eine Kleinstadt etwa zwanzig Kilometer westlich von Sarajevo. Diese Einrichtung soll von IOM betrieben werden und zunächst bis zu 400 Personen aufnehmen können. Auch die bosnische NGO Pomozi.ba wird vor Ort aktiv sein.

Das Hadžići Camp liegt in einer dörflichen Umgebung auf einem ehemaligen Militärgelände. Die sanitären Anlagen und die Unterkunftsbereiche bestehen aus neu angeschafften Containermodulen, auch der Speisesaal wurde renoviert. Problematisch ist indes, dass auf dem Gelände keine vollständige Trennung von Familien und alleinreisenden Männern gewährleistet werden kann. Zwar ist geplant, die Unterkunftsbereiche zu unterteilen. Aber schon der Weg zu den Duschen und Toiletten gibt es, auch wenn die einzelnen Sanitäranlagen jeweils nach Geschlecht ausgewiesen sind, keine räumliche Trennung statt. Studien belegen, dass sich Frauen* und Mädchen gerade durch solche Gegebenheiten in den Lagern oft unsicher und gefährdet fühlen. Fragwürdig ist zudem, dass der von IOM eingestellte Verantwortliche für die Sicherheit im Camp bis August 2018 zwanzig Jahre lang Soldat war und die Haltung vertritt, dass alle Geflüchteten solange verdächtig seien, bis das Gegenteil bewiesen sei.

Von IOM darf erwartet werden, dass sie Camps einrichten, die Familien und Kindern tatsächlich sichere Bedingungen bieten statt neue Unsicherheiten zu schaffen.

Aber selbst wenn dieses Camp zeitnah eingerichtet wird, bleiben weiterhin tausende Schutzsuchende in Bosnien ohne angemessene Unterkunft. Weitere Camps sind zwar angedacht, die Umsetzung scheint aber zwischen den vielen politischen Ebenen Bosniens, IOM und UNHCR festzustecken.

Die lokalen und internationalen Freiwilligen, die in Sarajevo aktiv sind, sind daher weiterhin auf Spenden angewiesen, um die Geflüchteten ganz konkret unterstützen zu können: BASIS Bosnia und AidBrigade werden Squats winterfest machen und eigens hergestellte Heizkörpern verteilen, sie werden wie schon bisher Zelte und Decken ausgeben und sich insbesondere der Familien mit Kindern annehmen. Auch die Essensausgabe wird weitergehen. (Wer möchte, kann über Leetchi spenden. Die Spenden werden vollständig weitergeleitet.) Notwendig ist zudem politischer Druck innerhalb der Europäischen Union. Denn angesichts der Tatsache, dass Bosnien die Betreuung der Geflüchteten nicht stemmen kann, müssen letztlich die Mitgliedsstaaten der EU gewährleisten, dass die Schutzsuchenden ihr Recht, einen Asylantrag stellen zu können, auch faktisch wahrnehmen können.

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